FLASCHENPOST
Dezember 2019
Ich sitze am Fenster. Die Dezembersonne scheint mild durch die Scheiben und der Niesen ist eingeschneit. Mit der Dämmerung sehen wir die Lichter der Hafeneinfahrt vom Hafen beim Camping Gwatt. Ein rotes und ein grünes Licht auf dem Wasser, es heimelet. Es scheint, als würden sich zwei Welten zu einem Gefühl von Heimat vereinen. Seit Tagen wechseln sich Föhn mit stürmischem Westwind ab. Von der warmen Stube aus sehen wir die Segelboote an den Bojen tanzen. Heimlich denken wir beide «auf dem Schiff wäre es jetzt auch schön». Auf den ersten Blick hat mir die Entscheidung zu einer Mietwohnung mehr Schweisstropfen bereitet, als die Planung einer Segelroute auf dem Meer. Auf den zweiten Blick scheint unser neues Zuhause ein Glückstreffer zu sein. Nahe am Wasser und den Bergen, in Gedanken lässt sich die eine Welt mit der anderen vereinen.
Seit fast drei Monaten sind wir zurück in der Schweiz. Mit Rucksack konnten wir von Freunden ein möbliertes Ferienstudio beziehen. Es fühlte sich leicht und locker an. Mit der Idee, dass man einfach den Rucksack packen und abreisen könnte, war sie noch da, die Reiselust und Freiheit. Der Weg hat allerdings vor zwei Wochen eine ernste Richtung eingeschlagen. Wir sind eingezogen in eine Mietwohnung und haben unser Hab und Gut wieder aus der Vergessenheit hervor geholt. Nun versuchen wir uns wieder zu integrieren in das Tempo, den Verkehr, den Arbeitsprozess. Gleichzeitig hoffen wir, dass etwas in uns bestehen bleibt, zum Beispiel die Ruhe oder die Kraft, die im Warten steckt.
Wir bedanken uns herzlich:
Bei Anori, unserem Heim und Reisemobil. Sie hat uns nie im Stich gelassen.
Bei Nadine und Yannick, sie haben uns ein einwandfreies Schiff übergeben, mitgefiebert und stehen uns bis heute mit Rat bei.
Bei der Seglergemeinschaft und den Menschen unterwegs. Die Hilfsbereitschaft, Lebensformen und Philosophien kennen zu lernen ist eine Bereicherung.
Bei unseren Familien und Freunden, die uns unterstützt und an uns geglaubt haben.
Beim Meer, dem Wind, dem Wetter, der Gesundheit, dass wir diese Reise erleben durften und nie in ernste Gefahr geraten sind.
Die am häufigsten gestellten Fragen seit wir zurück sind.
Habt ihr einen Sturm erlebt?
Nein, unter Segel wurden wir vor harten Bedingungen verschont. Auch auf den langen Überfahrten wurde es nie stürmisch.
Ja, einmal nachts am Ankerplatz, ganz am Anfang in Griechenland zog ein Sturm über uns. Es war ein Erlebnis, das ich mir nicht wünschte, aber wir haben es unbeschadet überstanden. Das Gute daran ist die Erkenntnis, wieviel ein Schiff, ein Anker und wir aushalten können. Es war auch eine Lektion wie und wo «man» ankert. Wir haben auf der ganzen darauf folgenden Reise davon profitiert und sehr viel Vertrauen in das Ankergeschirr gewonnen.
Habt ihr Piraten gesehen?
Nicht dass wir wüssten? Aber Piraterie ist nach wie vor aktuell. Es gibt Länder, die man mit dem Segelschiff nicht besuchen sollte. Allerdings haben sich die Piraten verändert. Ihr Auftritt ist nicht mehr mit einer Augenklappe und einem Holzbein, sondern mit schnellen Motorbooten und Maschinengewehren. So haben wir das zumindest gelesen.
Wie muss man sich das vorstellen, wenn man Tag und Nacht segelt?
Schön! Essen, schlafen, auf das Meer und in die Sterne gucken .......... allein sein. Das eine schläft, das andere hält sich wach und beobachtet, dass alles rund läuft.
Natürlich fällt die Antwort ganz anders aus, wenn schwierige Wetterverhältnisse oder reger Schiffs- oder Fischerverkehr herrschen. Das waren allerdings auf unserer Reise rare Momente. Dann wird es anstrengend, Schlaf zur Mangelware, die Konzentration hoch, immer auf der Hut keine Havarie oder Kollision zu riskieren.
Das ist nicht jedermans Geschmack. Wir haben viele Segler getroffen, die die Nachtfahrten gar nicht mögen. Uns hat's gefallen.
Wie habt ihr es ausgehalten, drei Jahre zusammen auf so engem Raum?
Beide müssen Haare lassen und einen Schritt aufeinander zumachen. Wenn man dazu nicht bereit ist, sollte man das Schiff verlassen.
Das ist jetzt schön geredet. Konflikte lauern auf so engem Raum in jeder Ecke und machten auch vor uns nicht halt. Aber wir haben die Wahl, ob wir uns gegenseitig das Leben schwer machen oder Frieden schliessen wollen.
Was war das prägendste Erlebnis?
Hm Hm Hm. Es ist noch zuviel im Kopf. Vielleicht wissen wir dazu in einigen Jahren eine Antwort.
Was hat euch am besten gefallen?
Hm Hm Hm. Ist es die Inselwelt der Ägäis? Die Abgeschiedenheit vom Peloponnes? Das Aufkreuzen in der Strasse von Gibraltar und die Nacht im Fischerhafen von Tarifa? Dass wir den Mut hatten Gibraltar hinter uns zu lassen? Die Vielfalt von Madeira? Die Melancholie und Schönheit der Kap Verde, die einem fast das Herz zerreisst? In den Bilderbuchankerplätzen der Grenadinen? Bei der Herzlichkeit und Wildheit der Einwohner von St. Vincent? Sind es die Azoren, wo Augen, Ohren, Nase mit neuen Eindrücken überfüllt wurden? Ist es Galizien, das uns gefühlsmässig in den Norden versetzt hat? Oder ist es das Reisen mit dem Wind, sich arrangieren mit der Natur? Ist es das Ablegen und Segel setzen einer uns noch fremden Welt entgegen oder ist es das Ankommen in einer Bucht und das Erkunden von Unbekanntem? Vielleicht auch , dass sich Zeit und Raum auf ein Minimum, auf das Hier und Jetzt reduziert? Oder sind es die langen Überfahrten, wo ausser Sein nichts passiert? Oder ist es die absolute Ruhe von Wind und Wellen mitten auf dem Atlantik, wenn der Atem von einem Wal die Stille durchdringt?
Was ist mit Anori?
Sie steht in Povoa de Varzim an Land. Bei uns steht vorerst Arbeiten in der Schweiz auf dem Programm, Maja als Physiotherapeutin, Hajot als Grafiker. Den Winter über lassen wir uns Zeit, das Erlebt zu verdauen. Danach werden wir entscheiden, ob wir mit Anori nochmals auf Reisen gehen wollen oder können.
Wir freuen uns, euch alle bald wieder zu sehen und Erlebtes auszutauschen.
Maja und Hajot

Die Konserven erleben ein Revival. Hauptsächlich für die Touristen, aber trotzdem schön gemacht.




Gründungsstätte von Portugal. Sozusagen das Rütli der Portugiesen.


Das religiöse Zentrum von Portugal.

Wo ist Hajot? Wo ist Maja?
