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FLASCHENPOST

September 2018

Oben111

 

 

Was bisher geschah:

Entlang der spanischen und portugiesischen Südküste tuckelten wir in Tagesetappen. Die Costa de la Luz war überraschend grün mit ellenlangen vorgelagerten Sandbänken und Dünen. Ab Chipiona bis nach Portugal liegen die einzigen Ankerplätze meist in Flussmündungen. Das war spannend. Wir genossen sehr ruhige Ankerplätze ohne Schwell. Das Schiff steht entweder flussauf- oder abwärts, je nach Gezeitenströmung, die auf die Schiffsausrichtung mehr Einfluss hat als der Wind. Somit konnten wir nahe am Ufer ankern. Das ermöglichte Tierbeobachtungen aus nächster Nähe, Wildschweine, Hirsche und natürlich Vögel. Der Rio Guadiana zum Beispiel, Grenzfluss zwischen Spanien und Portugal, eine Wasserstrasse ins Landesinnere, versetzte uns in eine völlig andere Welt. Kleine Häuseransammlungen, die als Dörfer bezeichnet werden, daneben karge Landschaft und Natur. Am Abend wenn der Wind einschlief, herrschte völlige Ruhe in Bezug zur Schiffsbewegung, dazu 360° Vogelgezwitscher. Ein Zustand, der auf einem Segelschiff eher selten ist.

Die Flussmündungen forderten aber von nun an eine ganz neue Planung. Aufgeschwemmte Sandbänke vor den Mündungen, Ebbe und Flut, die Strömungen und unterschiedliche Wassertiefen bedeuten, dass nicht jede Stelle bei jeder Tide passierbar ist. Es begann das grosse Rechnen. Wann müssen wir am Morgen starten, damit wir ohne sich aufstossende Wellen den Fluss verlassen und am Abend mit günstiger Strömung in die neue Mündung wieder einbiegen können. Und nicht zuletzt wollen wir segeln. Das heisst, der Wind sollte sich in Stärke und Richtung auch noch unserem Tagesplan anpassen. Oder wars umgekehrt?

Die Lagune vor Faro war besonders eindrücklich. Zirka alle 12 Stunden wird ein Delta von zirka 90km2 durch zwei kleine Öffnungen geflutet, respektiv trocken gelegt. Bei der Mündung kann das bis 7Knoten Strömung bedeuten. Das ist schneller als die Aare zwischen Thun und Bern fliesst. Ist man drin in der Lagune eröffnet sich einem ein riesiger, gut geschützter Ankerplatz. Auf der vorgelagerten Sandinsel Culatra kann man stundenlange Wanderungen machen, staunen, dass in Sand und Salzwasser Blumen blühen oder zuschauen, wie Einheimische bei Niedrigwasser den Boden umgraben um nach Muscheln zu suchen.

Weiter westwärts treffen wir auf die Algarve, eine Felsenküste wie sie im Bilderbuch, respektiv Reiseprospekt steht. Eindrücklich, wie senkrechte Felswände durch Wind und Wasser zu Skulpturen geformt werden.

Ab Portimão planten wir die Überfahrt nach Porto Santo, eine kleine Insel, die zu Madeira gehört. 460sm, unsere bisher längste Überfahrt stand bevor. Zum Abgewöhnen legten wir noch einen letzten Ankerstop an der Südwestecke von Portugal ein. Früh am nächsten Morgen ging's los. Raus auf den Atlantik, diesmal richtig. Voraussichtlich vier Tage ohne Land stand uns bevor. Schlussendlich waren es gut drei Tage. Wind und Wellen schoben uns nach Südwesten. Schön wars, richtig schön. Für einmal vergass ich mir Sorgen zu machen. Keine Havariegedanken was wäre wenn........ weiss der Kuckuck warum. Ich habe es einfach vergessen, dafür genossen.

Die Ankunft auf Porto Santo war besonders. Die erste „richtige“ Insel. Sie empfing uns mit neuen Farben, anderen Düften und uns unbekanntem Vogelgezwitscher. 

Nach vier Tagen zogen wir weiter nach Madeira. Im Ostzipfel der Insel einer wilden, windigen Bucht. Mutterseelenallein vor Anker hatten wir das Glück Robben beim Fischen zu beobachten. Über eine Stunde beobachteten wir, wie sie alle zwei bis drei Minuten an der Wasseroberfläche eine Verschnaufpause einlegten um anschliessend wieder abzutauchen zum Fischen. Wikipedia sagt, dass es sich um Mittelmeer Mönchsrobben handelte, eines der am meisten vom Aussterben bedrohte Tier. 400 bis 600 Exemplare soll es angeblich weltweit noch geben und ausgerechnet zwei davon haben wir gesehen. Welch Glück. Gleichzeitig beschlich mich auch ein schlechtes Gewissen, dass wir uns mit unserem Schiff und unserem Anker in ihr «Wohnzimmer» gesetzt haben. Ein paar Tage zuvor konnten wir in derselben Ecke schon Delphine beobachten. 10 Tage später tauchte während dem Segeln sogar ein Wal vor unserm Schiff auf. Drei Meeressäugetiere innerhalb von nur 10sm, unglaublich. Es scheint ein lebensfreundlicher Fleck zu sein. Auch bei mir schleicht sich der Gedanke ein, «hier könnte ich länger verweilen».

Im Moment befinden wir uns im Stadthafen von Funchal, der Hauptstadt von Madeira. Geniessen das Stadtleben, nette Kaffees, Parkanlagen und Wanderungen in den Bergen. Bis 1800m geht es steil bergan. Schroffe Bergflanken, tiefe Täler, im Norden dichter Laubwald, der schon fast an Regenwald erinnert, versorgt mit Wasser von den ständigen Wolken, die an die Bergflanken gedrückt werden. Im Süden mild und sonnig mit exotischen Früchten, Blumen und schwindelerregenden Steilklippen. Die Schönheit der Insel scheint bekannt zu sein, wenn man dies an der Anzahl Touristen misst. 

Der längere Aufenthalt in Funchal kommt nicht von ungefähr. Ein Schaden an der Ankerwinsch muss behoben werden. Diese wird durch einen Elektromotor (schon wieder ein Motor) betrieben. In Anbetracht, dass auf einem Aluminiumschiff kein Fehlstrom fliessen darf, ist uns die Reparatur, selber Hand anzulegen, eine Nummer zu gross. Der Fachmann spricht nur Portugiesisch. Mangels Kommunikation sind wir etwas verunsichert, ob er unser Problem versteht, respektiv beheben kann. In dem Moment bleibt uns nichts anderes übrig, als ihm zu vertrauen.

Maja und Hajot

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· Maja Berger · Hajot Badertscher · Thun · Switzerland · Mail

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