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FLASCHENPOST

OKT 2017

Oben111

 

 

Zum Zeitpunkt unserer letzten Flaschenpost waren wir auf dem Absprung Richtung Westen, mit dem Ziel Ende September in Gibraltar zu sein. Dort soll sich entscheiden, wie unsere Reise weitergehen wird. Trauen wir uns den Atlantik zu? Kehren wir ins Mittelmeer zurück? Zieht es uns Richtung Nordeuropa weiter? Oder bedeutet dies eventuell das Ende unserer Reise. Die längeren Schläge durch das Mittelmeer, ein bestimmtes Ziel verfolgen und andere Länder sollten uns Aufschluss über unsere Fragen geben. 

Der Absprung ab Griechenland verlief harzig. Es sollte unsere erste längere Überfahrt werden, zirka 300sm nach Sizilien. Die Abfahrt zögerte sich drei Wochen hinaus. War es der ungünstige Wind? Der Motor, der beschlossen hat uns wieder ab und zu im Stich zu lassen? Oder die verstopfte WC Leitung, die natürlich zuerst in mühsamer und stinkender Arbeit bei 40Grad Celsius ersetzt werden musste? Oder war es die Nervosität vor dem Unbekannten? Wir wurden gewarnt vor überfüllten und völlig überteuerten Häfen in Italien. Es gäbe kaum Ankerbuchten. Diebstahl auf Sizilien sei an der Tagesordnung usw. Gleich vorweg, nichts von diesen Befürchtungen ist eingetroffen. Durchs Band hinweg freundliche Menschen und herrliche Landschaften, trotz Hochsaison gabs einsame Ecken zu entdecken. Gewiss, die Ankerbuchten wie in Griechenland, gut geschützt und in hoher Anzahl vorhanden, mit glasklarem Wasser, wurden seltenener, aber wir haben sie gefunden. Vielleicht wurden wir das eine oder andere mal nachts vom Schwell mehr durchgeschüttelt als uns lieb war. Aber auch das gehörte zu unserem «Härtetest».

Die Route führte uns um die Südküste von Sizilien nach Sardinien, entlang deren Südküste und anschliessend durch die Balearen, Menorca, Mallorca, Ibiza, Formentera. Die Tage auf Formentera waren wunderschön, aber auch mit Wehmut gefüllt. Solange wir unterwegs waren, wurde unsere ganze Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt gefordert. Wir fanden keine Ruhe um über unsere Gibraltar-Frage nachzudenken. Um Antworten zu bekommen, mussten wir uns lösen von Wetterdaten, Ankerplätzen, der täglichen Routenplanung und Sicherheitsfragen. 
Wir kamen zum Schluss, dass wir in einen sicheren Hafen verlegen müssen um darüber in aller Ruhe nachdenken zu können. Almerimar an der Südküste von Spanien bot sich an, weil die Liegeplätze für uns zahlbar sind und eine gute Infrastruktur vorhanden ist, falls man denn auch was am Schiff machen muss. Und, von dort aus sind es nur noch 130sm bis nach Gibraltar. 

Wir genossen die letzten Tage Freiheit vor Anker auf Formentera, warteten den richtigen Wind ab und brachen schlussendlich auf zu einer nonstop Route nach Almerimar.

Alles ist gut gegangen. Cabo de Gata an der Südostecke von Spanien, im Küstenhandbuch wird über starke Strömung und steilen, rauen Wellen gewarnt dementsprechend nervös war ich, die Vorbereitungen darauf waren noch akribischer als sonst. Schlussendlich rundeten wir dieses, für uns vorläufig letzte Kap, bei herrlichsten Segelbedingungen. Für einen Moment war sie vorbei, die Angst vor rauem Wind und Wasser, die Angst vor einer Situation, die uns überfordern könnte. Anori zeigte nochmals ihr ganzes Können und vermittelte uns das Gefühl von Ruhe und Sicherheit. Für mich ein sehr andächtiger Moment. Nach etwas mehr als einem Jahr konnten wir unser Schiff wohlbehalten und gesund Ende September in einen sicheren Hafen führen. 

Wenn alles gut gegangen ist, ist es einfach von der grossen weiten Welt zu träumen. Das tun wir. Beide haben Gefallen an den langen Schlägen. Beide mögen die einsamen Nächte unterwegs auf dem offenen Meer mit dem Wissen, dass das andere ruhig schlafen kann. Beide mögen die Begegnung mit dem Wasser, der Natur, Delphinen, die Weite. Beide mögen das Ankommen in einer Bucht, die Begegnung mit der Landschaft und den Menschen. Je verlassener, desto besser. Sehnsüchtig schauen wir jedem Schiff nach, das den Hafen verlässt. Unterschiedlich sind wir im Umgang mit der Angst. Hajot kennt sie nicht und mich treibt sie zu stundenlangen Wetter- und Seekartenstudien.

Hier in Almerimar haben wir nachgedacht und sind zu folgendem Schluss gekommen. Wir möchten gerne auf und vielleicht auch über den Atlantik. Aber nicht mit Druck und in Eile. Anori und wir müssen zuerst darauf vorbereitet werden. Bald kommt der Winter und die Bedingungen werden rauer werden. Almerimar ist ein guter Platz, um ein Schiff auch mal länger stehen zu lassen. Das werden wir machen. Ich werde ab November bei einer Physiokollegin in Langenthal arbeiten. Hajot bleibt noch einen Monat länger beim Schiff und wird Arbeiten daran erledigen. Ab Dezember wird er in der Schweiz sein und wieder mehr Zeit haben für seine Grafikarbeiten. Ab April 18 wollen wir wieder losziehen........... Südportugal, Madeira, Westküste Afrika könnten die nächsten Etappen sein.

© 2021 SY-Anori

· Maja Berger · Hajot Badertscher · Thun · Switzerland · Mail

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