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FLASCHENPOST

JUNI 2017

Oben111

 

 

Gestern und Vorgestern haben wir Jubiläum gefeiert. Am 1.Juli zehn Monate Leben auf Anori und gestern zehn Monate Leben auf dem Wasser.

So schnell vergeht die Zeit. Vieles ist vertrauter geworden. Das Geräusch vom Wind und den Wellen. Unsere Beine haben sich daran gewöhnt, dass sich der Untergrund immer in Bewegung befindet. Und das Panorama vor Anker ist wie im Drehrestaurant Piz Gloria. Anori dreht sich im Kreis und wir geniessen immer eine andere Aussicht.

Letzten Winter noch war ich der Überzeugung, jede Schraube und jedes Kabel am Schiff verstehen zu müssen. Mittlerweilen bin ich zum Schluss gekommen, dass das wohl nie eintreffen wird. Die Tage wurden länger, die Temperaturen wärmer, also Anker hoch und los mit dem Wissen und Können, das wir haben. Mit viel Genuss und Freude konnten wir die letzten drei Monate durch die griechischen Gewässer ziehen ohne uns und Anori jemals in ernste Gefahr gebracht zu haben. Jedenfalls soweit wir das beurteilen können. Darüber sind wir dankbar.

Gleich geblieben ist die Rollenverteilung. Ich will viel im voraus wissen, planen und abklären mit dem Ziel möglichst nie in eine unvorteilhafte oder gar gefährliche Situation zu geraten. Hajot dagegen mags spontan, lässt die Sachen auf sich zukommen und handelt dann, wenns nötig ist. Darin liegt seine Stärke. Ideale Ergänzung, würde man meinen. Ja, ist es eigentlich auch. Aber es braucht wohl nicht viel Erklärung, dass die Umsetzung dieser Ergänzung im Schiffsalltag nicht immer einfach ist. Gleich geblieben ist aber auch immer noch der Wille, voneinander zu lernen, dass wir das Segeln auf dem Meer erleben und wir das mit Reisen verbinden wollen.

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Die Reiseroute der letzten drei Monate mit 30 angelaufenen Inseln in angemessene Worte zu fassen gelingt mir nicht. Ich beschränke mich auf ein paar Eckdaten.

Der nördlichste Punkt: Nordbucht auf Kyra Panagia, eine Insel der nördlichen Sporaden. Laut Informationen leben zwei Menschen auf dieser Insel. Ein Mönch, der in einem verlassenen Kloster sich um dessen Unterhalt kümmert und ein Schaf- und Ziegenhirte. Gesehen haben wir niemanden ausser Schildkröten, Ziegen und einige Skelette davon. Ich glaube es ist der Ort, der Hajot am meisten «den Ärmel reingenommen hat».

Der östlichste Punkt: Die Insel Amorgos, ein Mythos aus meiner Jugendzeit. Die Insel hat gehalten, was ich mir in meinen Träumen erhofft habe. Dass ich da war mit dem eigenen Segelschiff und der Kraft von Wind und Wasser, erfüllt mich mit Ehrfurcht, Dankbarkeit und auch ein bisschen Stolz.

Der südlichste Punkt: Kap Tainaro, der südlichste Zipfel vom Peloponnes. Das zweit südlichste Kap von Europa, nach Tarifa in Spanien. Die Umrundung vom Peloponnes hat uns gefordert. Wir waren überzeugt, dass wir den richtigen Wind dazu abwarten würden. Das heisst Wind von Osten. Wir mussten feststellen, dass das im Juni eine Illusion ist. Zuerst haben wir uns in eine Flaute gesetzt, danach ging's stets gegenan. Der Weg dazu hat sich fast verdoppelt und die benötigte Zeit verdreifacht. Der Vorteil war, wir hatten viel mehr Zeit diese einsame, gebirgige Region zu geniessen und zu würdigen. Wunderschön!

Der westlichste Punkt: Westküste der Insel Zakinthos. Senkrecht abfallenden Felswände und mini Sandbuchten. Auf der Südseite der Insel trifft uns der Tourismus zum ersten mal so richtig. Die Ausflugsboote bedecken die Wasserfläche, die Motoren bilden einen konstanten Lärmpegel, die Liegestühle und Sonnenschirme stehen in Reih und Glied. Hier und jetzt gehts ums Geschäft. Während den nächsten zwei Monaten muss fast der gesamte Jahresumsatz reingeholt werden. 

Der aktuelle Punkt: Mesolonghi, eine kleine Stadt am Eingang zum Golf von Patras. Lebendig und erfrischend kommt sie uns entgegen. 

Mesolonghi ist anders, als alles was wir bisher gesehen haben. Moment, das sagen wir jedesmal, wenn wir ein neues Gebiet, oder sogar nur eine neue Insel, entdecken. Wir empfinden es so. Irgendwie ist jede Insel eine Welt für sich, die Vegetaion, die Farben, die Menschen und wir bekommen das Gefühl, dass sie nichts mit dem Rest von Griechenland zu tun hat. Wir treffen immer wieder auf Einheimische, auch junge, die noch nie anderwo waren, als auf ihrer Insel, auf der sie geboren wurden. Und auch nicht das Bedürfnis haben etwas daran zu ändern.

Der höchste Punkt: 418 müM, es gibt zwei, die laut Karte genau gleich hoch sind.

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1. Eine Kapelle hoch über der Bucht Kavia auf der Insel Kea. Zuerst auf einem Fusspfad, später auf sehr unwegsamen Gelände über einen Bergrücken erreichen wir den erhabenen Punkt. Unterwegs stellt sich uns eine grunzende Sau in den Weg.

2. Der Berg Papas auf der Insel Irakleia, die zu den kleinen Kykladen gehört. Von hier oben gibts den schönsten und spektakulärsten 360Grad Panoramablick mitten in der Ägäis. Ich will nie mehr vergessen, wie es sich anfühlt, da oben zu stehen.

Der tiefste Punkt muM: 65 cm beim Putzen vom Unterwasser und vom Log.

Der einsamste Moment: Entlang der Insel Skyros. Von den nördlichen Sporaden segeln wir zurück Richtung Süden, 50 SM bis zur nächsten Insel Skyros. Während der ganzen Strecke begegnen wir keinem einzigen Schiff. Kein Segelschiff, keine Fähre, kein Frachter, nicht einmal ein Fischer, nix. Die Stimmung ist düster, dunkle Wolken, wird es bald regnen? Skyros taucht im diesigen Licht erst spät auf. Die Küste wirkt schroff, verlassen und unbewohnt, kein Haus in Sicht, menschenleer und Weltuntergangsstimmung. Es fühlte sich an, als wäre die ganze Welt evakuiert worden und wir haben nichts davon bemerkt. Skyros entpuppte sich später als wunderschöne Insel. Anders als die andern, diesmal wirklich anders.

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Der überraschendste Moment: Die Crew vom Segelschiff Tiki auf der Insel Andros. Zusammen mit der Crew von Tiki, trotzen wir den Wellen und der Gischt, die der Wind an der Hafenmole über unser Schiff spült. «Tikis» sind ein französisches Paar um die 65. Sie hatten eine eigene Schiffwerft mit dem Spezialgebiet Aluminiumrümpfe für Segelschiffe. Mit viel Können haben sie in stundenlanger Handarbeit Segelboote nach Kundenwünschen in Einzelanfertigungen gebaut. Die meisten dieser Boote sind irgendwo auf den Weltmeeren unterwegs. Ihre Einstellung, «Unsere Arbeit bestand darin, anderen Menschen beim Realisieren ihrer Träume zu helfen. Das hat uns gereicht und wir waren zufrieden damit». Obwohl sie Aluminium als das beste Material für den Schiffsbau halten, sind sie selber mit einem einfachen Boot aus Kunststoff unterwegs. «Die Zeit um ein eigenes Schiff zu bauen hat nicht mehr gereicht». Noch selten habe ich so zufrieden Menschen erlebt.

Maja und Hajot

© 2021 SY-Anori

· Maja Berger · Hajot Badertscher · Thun · Switzerland · Mail

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