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FLASCHENPOST

Oktober 2016

Oben111

Seit acht Wochen leben wir auf dem Boot. Es war ein besonderer Moment, der 2. September, als Anori in Kilada für uns ins Wasser gebracht wurde. Ein riesiger fahrbarer Kran, mindestens eine Hand voll Männer, alle ruhig, ohne Worte, mit voller Konzentration, auf den Millimeter präzis, jeder seine Aufgaben am erledigen. Das hat uns beeindruckt, mit wieviel Hingabe in diesem Moment unsere Anori behandelt wurde. 

Es fogten drei Tage intensivster Sprachunterricht in Französisch und Englisch. Nadine und Yannick aus La Rochelle, die Voreigner erklärten uns die Eigenschaften und Tücken ihrer Ovni 385. Beide segeln seit Kindsbeinen in der Bretagne und im Mittelmeer. Jeder Gegenstand hat einen Platz und seine Begründung, überall steckt eine Geschichte dahinter. Noch jetzt, nach acht Wochen tauchen unbekannte Utensilien auf, hier ein Schräubchen, dort eine Feder oder ein Stück Karton. Und immer fragen wir uns, wozu könnte das wohl gebraucht werden und was haben sich die beiden dabei überlegt. Schnell ein Foto und ein Email nach Frankreich und promt bekommen wir eine Antwort. Nichts wegwerfen, ist im Moment noch unsere Devise. Wer weiss, wozu es gut sein kann. 

Wir sind glücklich mit Anori und wir sind glücklich mit Nadine und Yannick. Hat schon je jemand von einer Person gehört, die ein Schiff gekauft hat und sagt, das Schiff ist komplett in Ordung und alles funktioniert? Na ja, fast alles. Täglich funktioniert irgend etwas nicht. Scheinbar gehört dies zum täglichen Leben auf einem Segelboot. Es sind nun mal gewaltige Strapazen, die ein Boot in Wind und Salzwasser aushalten muss. Trotzdem, wir konnten vom ersten Moment an ablegen und lossegeln.

Das taten wir dann auch. Zu zweit Anker hoch, raus aus der Bucht, Segel setzen, wenden-halsen, Segel bergen, rein in die Bucht, Anker fallen lassen, glücklich sein über das Erlebte und das Gelingen. Zu allem Überfluss sprangen vor unserem Bug zwei Delphine senkrecht in die Luft. Es war wie ein Begrüssungsfeuerwerk. Unglaublich.

Danach folgte eine Zweitagestour, darauf eine Dreitagestour. Immer wieder kehrten wir zurück in unsere Heimatbucht Kilada. Da fühlten wir uns wohl und sicher. Nach drei Wochen wagten wir den Sprung ins Unbekannte. Hielten die Nase raus in Richtung Osten, nach kurzen Etappen dann die Fahrt in Richtung Kykladen Kythnos und Syros und wieder zurück zum Peloponnes. Wunderschön. Wir begegnen dem Meer, der Natur, uns, der Einsamkeit. Aber wir begegnen vor allem auch Menschen. Stellen Fragen und bekommen Antworten und hören ihre spannenden Geschichten.

Noch ist es so, dass wir den Wetterbericht penibel genau studieren und den starken Winden nach Möglichkeit ausweichen. Aber das Gefühl auf dem Wasser hat sich bereits verändert. Es fühlt sich gut an. Ich hatte mir in den kühnsten Träumen nie vorgestellt, dass man vor Anker seelenruhig zehn Stunden durchschlafen kann oder dass man das Schiff ein paar Stunden einfach allein lässt. Wir machen Wanderungen an Land, kehren zurück in unser Zuhause und fühlen uns wohl. Trotzdem, bereits nach sieben Wochen haben wir uns auf die Kappe geschrieben: wir dürfen die Achtung vor dem Meer und der Natur nie verlieren. Sie stellt die Spielregeln, wenn wir sie nicht beachten, haben wir verloren. Das Empfinden und die Einschätzung kann von einer Minute auf die andere ändern. Wir suchen nach Hilfsmitteln, um Zeichen und Warnungen zu erkennen. Die richtigen Schlüsse aus Barographen, Wolken, Licht oder Geräuschen zu ziehen, ist nicht so einfach und wir haben noch viel zu lernen.

So geht es uns im Moment im Osten vom Peloponnes. Viele Buchten zum Ankern, glasklares Wasser, Es kümmert niemanden, ob wir da sind oder nicht. Griechen, die sich mit Hühner und Gemüse ums Überleben kümmern und nichts von Bürokratie und Verstaatlichung halten. Ein kleines Paradies für Segler. Wie lange noch? Ein Einheimischer meint, es war vor dreissig Jahre so und wird auch in fünfzig Jahren noch so sein, solange Griechen Griechen bleiben.

Seit ein paar Tagen ist auch hier der Herbst eingekehrt. Das Licht, die Luft hat sich verändert, die Tage kurz und die Hose und Ärmel lang. Wir trinken Tee statt Citron Pressé. Die Tavernen stehen leer, in einer Woche wird hier alles geschlossen sein. Wie wird es sein in Griechenland ohne Touristen? Wie wird das Wetter? Gibt es Winterstürme? Wir halten Ohren und Augen offen nach einem Platz, wo es uns wohl sein kann und wir uns in Schutz vor starken Winden fühlen.

An alle, die sich um unser Zweisammensein Sorgen gemacht haben. Aus zwei Wohnungen an Land auf etwa 20m2 auf dem Wasser umziehen ist ja nicht ganz ohne. Beide haben ihren Gring, beide haben das Kommando und beide gehorchen oder auch nicht. Bis jetzt hat jeder mal einen Teil davon übernommen und wir wechseln uns in der Rollenverteilung ab. So geht's ganz gut.

 

Maja und Hajot

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· Maja Berger · Hajot Badertscher · Thun · Switzerland · Mail

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