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FLASCHENPOST

Dezember 2016

Oben111

Seit unserem letzten Lebenszeichen befinden wir uns im Argolischen Golf oder in deren Umgebung. In diese Region gehört auch Kilada, unser Ausgangsort der Reise. Ende Oktober hat es uns hierhin zurück verschlagen. Der Grund, wir wollten Rüdiger treffen. Er ist ein Segler aus Norddeutschland, unterwegs in Griechenland während den Sommermonaten. Er besitzt in Kilada eine Mooring, die wir allenfalls über den Winter benutzen dürfen. Rüdiger haben wir tatsächlich getroffen und er überlässt uns seine Mooring für die nächsten paar Monate. Das ist so was von lieb. So haben wir die Festmacherleinen überprüft und wo nötig ausgewechselt. Einen Autopneu als Stossdämpfer eingebaut und Scheuerstellen mit Gartenschläuchen ausgekleidet. Es steht fest, wir bleiben hier für die Winterzeit.

Eine Mooring in Griechenland sieht folgendermassen aus: in einer Bucht wird ein Betonklotz versenkt. Daran befinden sich eine Kette und zwei Leinen zum Festmachen. Ist man daran angebunden, ist es wie vor Anker, mit dem Vorteil, dass man sich nicht darum kümmern muss, ob der Anker hält.

Im Argolischen Golf soll angeblich im Winter ein freundlicher Wind vorherrschen. Das heisst die Winterstürme, die entweder von Norden oder Süden her wehen, streifen den Golf meist nur am Rand. Unsere Erfahrung bis jetzt ist, es kann auch am Rande ziemlich rumpeln, sind aber froh, müssen wir die Nase nicht weiter raus strecken. Oder es herrscht gar kein Wind. Ist mir auch recht, so sind die Temperaturen bisher angenehm warm für mein Empfinden.

Im November haben wir uns intensiv mit dem Schiffsmotor beschäftigt. Neue Geräusche, die so nicht sein sollten und Wassereinbruch bei der Stopfbuchse haben uns dazu gezwungen. Gefunden haben wir mehrere lockere Schrauben am Motor und am Getriebe, die sich niemand erklären konnte. Schlussendlich haben wir auf Anraten von einem Freund den Motor zur Antriebswelle neu zentriert. Diese Aktion tönte für mich sehr abenteuerlich und in meinen Träumen sah ich uns, weil alles mitten in der Bucht auf dem Wasser gemacht wurde, schon manöverierunfähig am Absaufen. Das Gefühl danach war um so besser. Seither schnurrt der Motor wie am Schnürchen. Jaja, wir haben schon einiges gelernt über den Motor, das heisst den Antrieb, das Kühlsystem, die Umdrehungen pro Minute usw.. In den nächsten Wochen wollen wir uns über die Dieselzufuhr schlau machen und diese umbauen.

Irgenwie ist es schon paradox. Da hat man ein Segelboot und will Segeln und das Wichtigste am Boot ist der Motor, so sagen es die, die auf Langfahrt sind. Gleich nach dem Motor kommt der Anker auf der Prioritätenliste. Dazu habt ihr ja schon Anmerkungen gehört. Beides, der Motor und der Anker dienen der Sicherheit.

Der Abzug der Touristen Mitte Oktober hat bei uns eine Leere, Einsamkeit und Unsicherheit ausgelöst. Die Segler haben ihre Boote eingewintert und sind nach Hause gefahren. Das erste Mal mutterseelenallein an einer Mole, wir fühlten uns von der ganzen Welt verlassen. Wir sind Anfänger und haben vor, den Winter hier auf dem Boot zu verbringen. Warum sind wir die einzigen, die das beabsichtigen? Haben wir irgendwelche Warnschilder übersehen? 

Zwei Monate später hat sich unser Empfinden um 180 Grad gedreht. Es ist so was von schön hier in dieser Jahreszeit. Die Vegetation hat sich verändert, überall ist es grün. Die Luft ist frisch und klar. In der Ferne tauchen Berge auf, die bisher vom Dunst verschluckt wurden. Die Olivenernte ist am Abklingen. Die Orangen und Mandarinen können nun gepflückt werden. Die Wochenmärkte platzen aus allen Nähten mit ihren Früchten und dem Gemüse. Und das Wasser ist noch klarer, als es eh schon ist. Mit dem Segelschiff hat man nun Platz soweit das Auge reicht.

Gewiss, täglich studieren wir den Wetterbericht und die nahenden Tiefdruckgebiete. Dabei bin ich nicht immer entspannt und ruhig. Oft folgen danach aber ruhige Tage, da platzt mir das Herz vor lauter Schönheit.

Wir unternehmen nur noch kleine Touren, sind oft eine Woche oder länger am selben Ort. Aber überall wo wir hinkommen, weiss ich, da will ich nochmals hin, wenn das Wetter ruhiger ist, das nächste Mal die Sonne scheint oder die Tage wieder länger werden.

Das Highlight der letzten Wochen ist Hydra. Eine Insel, die unter Naturschutz und der einzige Ort der Insel unter Denkmalschutz steht. Die Insel ist autofrei. Alles wird mit Esel oder Maultieren transportiert. Selbst wenn an einem Haus gebaut wird, werden die Esel bepackt und durch die engen Gassen und Treppen getrieben. Im Sommer wird die Insel überrannt mit Touristen. Jetzt ist alles leer und ruhig. Viele Künstler haben sich hier niedergelassen. Ich kann es verstehen. Die Insel hat wirklich eine besondere Ausstrahlung. 

Es gibt viele wunderbare Ecken im Argolischen Golf. Vieles haben wir noch nicht entdeckt.. Zum Beispiel Spetses, Leonidion, Astros, Nafplion oder Naturbuchten in denen man jetzt mutterseelenallein liegt. Bezugsort bleibt aber Kilada.

Das Dorf hat es uns angetan. Es liegt an einer Bucht mit einem Durchmesser von zirka einem Kilometer. Die Einheimischen sind hauptsächlich Fischer oder arbeiten in der Landwirtschaft. Liegen wir an der Mooring, fühlt es sich an, wie in einem Aquarium. Es wimmelt von Fischen. Kürzlich sah ich sogar einen Delphin im Mondschein um unsere Anori kurven, unglaublich, so nahe an der Zivilisation. Nachts gleiten lautlos kleine Fischerboote mit Scheinwerfern um unser Schiff. Die Fische werden direkt von den Booten aus mit einer rieigen Gabel aufgespiesst. Oder sie haben es auf die Tintenfische abgesehen. Das geht ruckzuck und schon hängt einer am Hacken. Es scheinen besonders gefrässige Tiere zu sein.

Was das Essen betrifft, haben wir noch mehr von den Griechen gelernt. Zum Beispiel wird das Kraut der Randen und Radiesli gekocht und gegessen. Oder der Löwenzahn wird als Gemüse genutzt. Überhaupt gibt es X Krautsorten, die ich noch nie gesehen habe und den Lattich, den ich als Kind ins Pfefferland wünschte, entpuppt sich hier als leckerer Salat.

Bald ist Weihnachten. Auch hier zelebrieren sie es mit verzierten Tannenbäumen, oder so Ähnlichem. Auf den Strassen erklingen amerikanische Weihnachtslieder aus den Lautsprechern. Irgendwie komisch. Eigentlich wäre alles da: Weihrauch, Myrrhe, Palmwedel, Esel, Schafe, Hirten, Sternennacht.

Wir wünschen euch eine ruhige Adventszeit, Weihnachten mit Familien und Freunden und schon bald einen guten Rutsch in ein zufriedenes neues Jahr.

 

Maja und Hajot

© 2021 SY-Anori

· Maja Berger · Hajot Badertscher · Thun · Switzerland · Mail

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