FLASCHENPOST
Dezember 2018
Wir liegen am Ankerplatz von Mindelo auf der Insel San Vicente. Der Anker wird auf Herz und Nieren geprüft, Anori beginnt zu vibrieren in den Böen, Schaumkronen ziehen durch die Bucht. Wir sind angekommen im Passatwind, der zwischen den Inseln Santo Antão und San Vicente wie durch eine Düse beschleunigt wird.
Zwischen Porto Santo, unserer letzten Flaschenpost, und Mindelo liegt ein langer Segelweg und viele Erlebnisse haben uns unterwegs bereichert. Wo mit den Erzählungen anfangen und enden, sich dabei kurz halten, ist nicht einfach.
In den Kanaren wurden wir von der Vielfalt der Inseln überrascht. La Graciosa und Lanzarote sind kahl und braun. Ausser Vulkankrater, Kakteen gibts nicht viel und natürlich sind da die Sandstrände.
Von Gran Canaria haben wir nur Las Palmas gesehen. Eine Grossstadt wie Zürich mit allem was man brauchen könnte. Da wollten wir hin um nochmals Ersatzteile und Ausrüstungsgegenstände zu bekommen. Von hier aus startet jeweils im November die ARC über den Atlantik. Dadurch gibt es alles, was ein Seglerherz begehrt.
An der Nordküste von Teneriffa fühlten wir uns wie in England. Nieselregen und tief hängende Wolken. Dafür war es grün, in der Wolkenzone mit üppigen Bäumen. Darüber war der Blick frei auf den Teide. Schon eindrücklich dieser Vulkan. Mit 3718m m ragt er wie ein Kegel aus dem Meer empor. Der Nordwesten der Insel ist durch tiefe Schluchten durchzogen. Eine Strasse schlängelt sich entlang der Steilhänge, weicht man mit Wanderschuhen an den Füssen davon ab, ist man allein in einer wilden Berglandschaft, dem Tenogebirge.
La Palma ist die grünste dieser Inseln. Die Nordostseite ist oft in Wolken gehüllt und es fällt relativ viel Regen. Die Südwestseite dagegen ist sonnig und mild. Der Inselnorden wird durch einen riesigen Erosionskrater geprägt, der Inselsüden durch eine Reihe Vulkane, deren Ränder man in Nord-Südrichtung abwandern kann. Eine wunderschöne Insel mit Berglandschaft und kilometerlangen Bananenplantagen.
El Hierro ist die westlichste Insel der Kanaren. Es ist auch die Insel, die kaum etwas vom Tourismus abbekommt. Dementsprechend gut hat es uns dort gefallen. Auch hier fällt im Norden viel Regen. Von der Landschaft und den Farben her fühlten wir uns zum Teil eher weit im Norden von Europa als am Rande von Afrika.
La Gomera hat mir persönlich von den Kanaren am besten gefallen. Endlich wieder Ankerplätze, wunderbare Farb- und Berglandschaft, unbewohnte Täler, dessen Ausgang in einem Strand endet, vor dem man ankern kann und das hübsche Städtchen San Sebastian. Vielleicht schwelge ich auch in schönen Erinnerungen wegen einer Wanderung. «Dangerous!», «No Kidding!» war am Eingang der Schlucht auf einen Stein gepinselt. Ja ja, dachten wir, so schlimm kanns nicht sein, wir sind uns ja Berge gewöhnt. Am Ausgang der Schlucht haben wir uns die Schweissperlen von der Stirn gewischt. Puh, nochmals gut gegangen. Es war mehr klettern als wandern und irgendwann war auch umkehren keine Option mehr. Auch als Schweizer sollte man diese Warnungen ernst nehmen.
Und dann kam der Absprung zu den Kap Verden. Ja, es hat mich Überwindung und ein paar Tränen gekostet. Ab jetzt wird der Weg nach Hause lang und anstrengend. Die Überfahrt war schön, das Ankommen in Palmeira auf Sal noch viel schöner. Wir sind in Afrika gelandet. Die Sonne brennt, der Wind bläst unermüdlich. Die Einheimischen fischen, das Wasser holen sie an einer Zapfstelle, die am Mittag bereits leer ist, geduscht wird in der öffentlichen Dusche mitten im Dorf, die Wäsche wird auf dem schwarzen Sand getrocknet. Statt Privatautos gibts Sammelbüssli, die die gängigen Sandpisten und Pflastersteinpfade abfahren. Bei der Frage nach dem Fahrplan werde ich verwirrt angeschaut. Die Büssli fahren dann, wenn sie voll sind. Aha, so geht das. Wir sind berauscht von den neuen Eindrücken. Die Einfachheit, die Farben, die Musik und der Rhythmus sind ansteckend. Bei einem Tanzabend im Fussballclub von Palmeira stellten wir fest, der Hüftschwung der afrikanischen Bevölkerung ist definitiv geschmeidiger und ausladender.
Auf der Insel São Nicolau machten wir eine Wanderung, die uns wieder in Erstaunen versetzte. Sechs Stunden zogen wir durch eine einsame Berglandschaft, steile Berghänge, im Zickzack ging es fast senkrecht in eine tiefe Schlucht, verlassene Steinhäuser und Terrassenfelder zeugen davon, dass hier mal Landwirschaft betrieben wurde. Begegnet sind wir einem Esel und sonst niemandem.
Wie die Kanaren, hat auf den Kap Verden jede Insel einen ganz eigenen Charakter. Sal zum Beispiel ist flach, trocken wie eine Wüste mit ein paar Vulkankegeln. Andere Inseln dagegen sind ausgesprochen bergig mit grünen Tälern.
Doch auch hier, auf einzelnen Inseln hat der All inclusive Massentourismus Einzug gehalten und steht im krassen Gegensatz zu den kleinen Berg- und Fischerdörfern.
Unsere Erlebnisse sind unter anderem geprägt vom Kontakt mit den Einheimischen und anderen Seglern. Auf den Kanaren konnte man die Segler noch in Gruppen aufteilen. Die einen, die ihr Boot dort stationiert haben und das ganze Jahr über oder zumindest den Winter dort verbringen. Dann gibt es die, die dem rauen Winterwetter in Europa den Rücken kehren und im Frühling wieder zurück ins Mittelmeer ziehen. Und dann gibt es noch die, die auf der Durchreise sind.
zu den Kap Verden dagegen geht man nicht einfach so, weil's bequem ist. Allen Segelbooten, die den Weg hierher gefunden haben, liegt ein langer Weg im Kielwasser und es liegt auch noch ein langer Weg vor dem Bug. Abgesehen von der langen An- und Abreise ist es windig, sehr windig. Hier sind alle auf der Durchreise und wir treffen immer wieder bekannte Boote. Täglich brechen wieder einige auf zur Atlantiküberquerung mit dem Ziel Karibik. Aber es gibt auch die wilden, die mutigen. Brasilien, Patagonien, Kap Horn oder Afrika sind ihre Pläne. Oder neben uns liegt ein Boot, das aus St.Helena kommt. 30 Tage ununterbrochen auf See. Ehrfürchtig begutachte ich Boote und Crews.
Die verrückteste Begegnung hatten wir gestern. Vor uns stand plötzlich Chris. Als wir vor zwei Jahren in Kilada starteten, war er in der Bucht unser Ankernachbar. Er verbrachte wie wir den Winter dort und arbeitete in der Schiffswerft. Unter anderem hat er unsere Anori eingewassert. Gestern nun haben sich unsere Wege nach zwei Jahren zufällig hier in Mindelo wieder gekreuzt. Er ist auch einer von den Wilden, kommt irgendwo aus dem Norden von England und ist jetzt unterwegs nach Kanada. Was mich beeindruckt, er hat in Kilada die Ankermanöver immer allein und unter Segel gemacht, ohne Hilfe vom Motor. Auch nach zwei Jahren bin ich noch meilenweit davon entfernt, dieses Manöver entspannt und freiwillig in Betracht zu ziehen.
Weihnachten und Neujahr auf dem Atlantik
Fische braten bei starkem Wind. Nicht ganz einfach, aber es war köstlich.
Wir wünschen allen frohe Weihnachten, ebenfalls ein köstliches Festessen, einen guten Start ins Neue Jahr und Alles Gute. Wir zwei werden vor den Festtagen Richtung Karibik starten und rechnen damit, dass wir etwa zwischen 10. und 15. Januar auf einer Insel auf der anderen Seite des Atlantiks ankommen werden.
Maja und Hajot

Mit unseren australischen Freunden auf einer Wanderung auf einen Vulkan auf La Graciosa. Leider trennen sich hier unsere Wege.

Ankern in der Wüste.

Blick zurück auf den höchsten Berg Spaniens, den Teide.

Auf Teneriffa haben wir reife Feigen zu Konfitüre verkocht.

Imposante Hafenmauer in Tazacorte.

Wanderung auf den Kraterrand auf La Palma zusammen mit einem Schweizer Segler Paar.


El Hierro, die kleine Insel im Südwesten der Kanaren ist nass und grün. Die Fotos, die wir auf der Wanderung machten erinnern uns eher an den Norden als an den südlichsten Zipfel von Europa. Auf dem Bild ein Wachholderkriechbaum, das Wahrzeichen von El Hierro, der sich wegen dem konstant starken Wind abstützen muss und Maja, die sich wohl wegen der ansterngenden Wanderung ebenfalls anlehnt.

Früher war man überzeugt, dass El Hierro das Ende der Welt sei. Aus diesem Grund lief der Null Meridian in dieser Zeit durch diese Insel.